Synagoge

Die Aufteilung der jüdischen Dreigemeinde in Hamburg 1812

von Simon Hollendung

5.1 Der jüdische Kampf um das Bürgerrecht und die Assimilationsbestrebungen der Haskalah

In den Jahrhunderten der Unterdrückung und des Verbots von Zunft-Handwerk und Landwirtschaft hatten immer mehr Juden durch das Zinswesen, also Geldverleihgeschäfte, ihr Auskommen gefunden. Diese führte immer wieder zu Streitereien mit ihren nicht-jüdischen Schuldnern. Nicht selten suchten die Schuldner bei Pogromen in Europa zu dieser Zeit gezielt die Häuser ihrer Gläubiger auf, um ihre Schuldscheine zu verbrennen.
Für van der Walde stellten die Juden „in nationaler Hinsicht […] in allen Ländern eine geschlossene Einheit dar, die sich durch Druck und Verfolgung immer enger zusammengeschlossen hatte.“[125]
Mit dem Beginn der jüdischen Aufklärung, Haskalah[126] genannt, ab 1750 stellte sich allerdings ein Zwiespalt unter der jüdischen Bevölkerung Europas ein: Sollten sie weiter als eine Art Volksindividualität die Sonderbestimmungen mehr schlecht als recht ertragen oder war es an der Zeit, sich als eine von vielen Religionsgemeinschaften zu verstehen. Die Aufklärer hatten klar ein Modell der Emanzipation durch Assimilation vor Augen und waren vor allem im Frankreich vor der Revolution und in Deutschland, hier vor allem in Berlin, tonangebend geworden. Dem gegenüber standen jüdische Zentren in Polen, die als Gegenbewegung den Chassidismus[127] mit eindeutig konservativer Thora-Auslegung und Abschottung vor der nicht-jüdischen Umwelt formulierten. Aus diesen chassidistischen Kreisen rekrutierte sich die Mehrheit der Altonaer Oberrabbiner in der letzten Phase der Dreigemeinde.
Die Zuspitzung dieses Konfliktes begann mit den Errungenschaften der Französischen Revolution, die den Aufklärern zu einem enormen juristischen Sprung verhalf:
„Nach heißen Kämpfen wurde den Juden von der Constituante am 27. September 1791 das Bürgerrecht verliehen […] und auch die [aufgeklärten] Juden waren bemüht durch die Abschaffung des rabbinischen Joches sich dem neuen Zustand anzupassen.“[128]
Äußere Reformen, in diesem Fall ein völlig neuer, freierer rechtlicher Status, fielen also zusammen mit inneren Reformbestrebungen. Die Gleichzeitigkeit dieser Ereignisse wirkte für die Aufklärer belebend.
In Deutschland allerdings herrschte immer noch die Kleinstaaterei. Das hieß Zollabgaben an jedem Schlagbaum und gerade erst war der Leibzoll aufgehoben worden.
„Aber trotz der noch bestehenden Gesetze begann man durch die Gründung jüdischer Schulen die Bildung der Juden auf das Niveau der umliegenden Völker zu bringen.“[129] Hinzu kamen die praktischen Lehren, zum Beispiel der Aufbau einer eigenen Subsistenzwirtschaft, welche für viele jüdische Familien seit Jahrhunderten nicht mehr denkbar gewesen war. In den Assimilationsbestrebungen gehen van der Walde allerdings einige Berliner Aufklärer, die sich taufen ließen, zu weit.[130]
Neben Bildungseinrichtungen aller Art gelten auch soziale und kulturelle Treffpunkte als Indikatoren der Aufklärung. In Berlin, Frankfurt und Dessau wurden jeweils 1795 die ersten jüdischen Schulen gegründet, in Seesen bei Göttingen 1801. Zwar fiel die erste Schulgründung mit der Talmud-Thora-Schule (1805) in Hamburg nicht allzu spät aus, weitere Indikatoren der Aufklärung fehlten aber noch in der größten Gemeinde Deutschlands.
Durch die besondere Struktur befanden sich die jüdischen Gemeinden im Hamburger Raum noch in einer eigenen Kleinstaaterei, bestehend aus den unterschiedlichen Rechtsgebieten Hamburg, Altona und Wandsbek. Die „Abschaffung des rabbinischen Joches“ – wie van der Walde es nennt – wird zwar auch hier von den Aufklärern forciert, doch konnte sich das konservative, meist chassidistische Oberrabbinat länger halten als in anderen deutschen Ländern.
Das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1806 bedeutete auch für die Hamburger Juden mit dem Ende der Dreigemeinde einen epochalen Einschnitt. Das Rabbinat reagierte unflexibel auf den Wunsch vieler Juden nach moderneren Lebensformen; die hebräische Sprache erlebte eine Renaissance, die allerdings von jüngeren jüdischen Aufklärern abgelehnt wurde.

[125] Van der Walde (1993), S. 7.

[126] Haskalah (hebr.: Bildung): Der Beginn dieser innerjüdischen Bewegung, die stark von der europäischen Aufklärung beeinflusst war, liegt 1791 in der Zusprechung des Bürgerrechts für Juden in Frankreich. Die Haskalah-Kreise wollten die Juden vom Jiddisch und vom Ghetto befreien und Hebräisch und die Religion als neue Identitäten stärken. In ihren starken Assimilationsbestrebungen gingen einige bis zur christlichen Taufe. Von Berlin aus wurde dieses Gedankengut nach Westeuropa transportiert, in Osteuropa gab es starke Kämpfe mit Anhängern des Chassidissmus. Nach: Geiss, S. 615.

Für den Hamburger Raum kann angenommen werden, dass mehrere der aus dem Osten kommenden Rabbis dem Chassidismus anhingen und andere, auch Älteste, zu den konservativen rabbinischen Kreisen gehörten, denen die Abneigung gegenüber der Haskalah-Bewegung gemeinsam war.

[127] Chassidismus (hebr. chassid: der Fromme): Als eine Art religiöse Wiedergeburt wurde diese Bewegung unter den Aschkenasim in Osteuropa stark. Sie entstand aus Enttäuschung über Sabbatai Zwi (= Sabbataismus), dessen Prognose von 1666 als Wiederkunft des Messias sich als falsch herausstellte, und den Zerfall der Vierländersynode und nahm Tendezen der Kabbalah auf. Zunächst von der rabbinischen Orthodoxie als Sekte angesehen, so kämpfte man später doch gemeinsam gegen die Haskalah. Nach: Geiss, S. 573.

[128] Van der Walde, S.8.

[129] Ebd., S. 9.

[130] Ebd.
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